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Sibirien im August 2008 ein Reisebericht von Jakob Hauter Freitag, 01.08.2008 Früh am Morgen dieses wunderschönen, sonnigen Tages trafen sich acht junge Damen und meine Wenigkeit als Quotenmann am Flughafen Berlin-Schönefeld. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg ins schöne Sibirien. Nach einigem Theater aufgrund nicht angemeldeter Gepäckstücke, Feuerzeug und Gaskartusche in sperrigen Riesenrucksäcken, einer zu großen Deoflasche und einer anscheinend bedrohlich aussehenden Stoppuhr erreichten wir dann auch sicher das Flugzeug und starteten Richtung Moskau. Dort angekommen gab es dann auch sofort die erste Komplikation: Die Grenzbeamtinnen am Flughafen entschieden sich dafür, Lisas Visum zu beanstanden und ließen uns alle ohne jegliche Begründung fast eine Stunde warten. Schließlich kam der Pass mit einem neuen Visum aus den Katakomben des Flughafens zurück, ohne dass wir einen Unterschied zwischen altem und neuem Visum hätten feststellen können. Bis dann jeder Geld getauscht hatte war so viel Zeit vergangen, dass der Zug ins Zentrum abgefahren war und wir eine Stunde auf den nächsten warten mussten. Wir nutzten die Zeit, um ein sehr nettes, ausgesprochen flughafenuntypisches Restaurant aufzusuchen, dass wir ohne den Tipp eines Flughafenmitarbeiters niemals gefunden hätten und in dem uns köstlicher Borschtsch, Käsebrote und gefüllte Auberginen aufgetischt wurden. Schließlich brachte uns dann der sehr komfortable Airport Express nonstop zum Kiewer Bahnhof. Mit der Metro ging es weiter zum Hostel, was trotz unserer schweren Rucksäcke erstaunlich problemlos ablief, von einer etwas konfrontativen Bekanntschaft Rebeccas mit einer Durchgangssperre der Metro einmal abgesehen. Unser Hostel lag sehr vorteilhaft, nicht weit entfernt von der Metro und dem Arbat, der berühmten Moskauer Fußgängerzone, direkt neben dem Finanzministerium auf zwei Etagen eines ansonsten recht unscheinbar wirkenden Wohnhauses. Es war gemütlich genug, um über die geringe Zahl an Duschen, die man zudem nur erreichen konnten, indem man über eine Toilette hinüberstieg sowie über die Geschäftstüchtigkeit der Rezeptionistin, die "vergessen hatte", dass wir uns aufgrund unseres kurzen Aufenthalts nicht registrieren lassen mussten und uns sehr dankbar war, dass wir den Irrtum erkannten und ihr Einnahmen von 15 Euro pro Person ersparten, hinwegsehen konnte. Nach unserer Ankunft gingen wir noch etwas einkaufen und stellten fest, wie teuer Moskau doch ist und wie unglaublich unfreundlich man dafür bedient wird. Schließlich ließen wir den Abend beim teuersten Bier unseres Lebens auf dem stimmungsvollen Arbat ausklingen. Schon in den ersten Stunden erschlug uns die russische Hauptstadt förmlich mit ihren Kontrasten, Extremen und Reizen: Die riesigen Straßen, die hektischen Auto- und Menschenmassen, die Menge an Stöckelschuhen und deren Höhe, die rumpelnden Tiefen der Metro, die Gegensätze von Plattenbauten, orthodoxen Kirchen, Glaspalästen und den Kolossen des Zuckerbäckerstils, Menschen, die auf offener Straße Kleidung, Spielzeug oder lebende Krebse verkauften, ein stark blutender Mann, der am Kopf einer Rolltreppe inmitten sich durch die Metrostation drängender Menschenmassen per Herzmassage reanimiert wurde, eine einfach so aus einem Fenster im sonstwievielten Stock auf die Straße fallende Glasscheibe, Straßenmusikanten, die erst wunderbar trommelten und dann von der Polizei mitgenommen wurden sowie Fernsehshows, in denen kleine Kinder schnulzige alte Liebeslieder sangen oder wie Äffchen über die Bühne hampelten, um eine Million Rubel zu verdienen sorgten für eine ziemliche Reizüberflutung. An die konnte man sich aber gewöhnen. Samstag, 02.08.2008 Nach einem ausgiebigen Frühstück und schnell verklungenem Ärger über einen Herrn, der Andreas Schlafsack beiseite geräumt und ihr Bett in Beschlag genommen hatte machten wir uns auf den Weg, das Herz Moskaus zu erkunden. Das Wetter erwies sich als etwas unbeständig, aber der Rote Platz begrüßte uns mit Sonnenschein - und zahlreichen betrunkenen Soldaten. Es war nämlich gerade Tag der WDW, der russischen Luftlandestreifkräfte. Dies führte dazu, dass man den ganzen Tag grobschlächtigen Männer in blau-weißen Hemden begegnete, die Fahnen schwenkten, sich in sehr rauhem Ton unterhielten und ständig mit "Slava WDW" Rufen den Ruhm ihres Regimentes verkündeten. Ein Großteil der Gruppe sah sich den Kreml auch von innen an während sich Rebecca selbständig machte und Wiebke, Ina und ich zum Bahnhof gingen, um dort eine arme Frau hinter dem Fahrkartenschalter sowie davor wartende Menschen mit unserer Vorbestellung, die den Ausdruck 36 einzelner Tickets erforderlich machte, zur Verzweiflung zu treiben. Als die Tickets dann endlich gedruckt waren machten sich Wiebke und Ina auf den Weg zu Inas guter Freundin Irina. Ich sammelte Rebecca ein und wir trafen uns mit Georgij und David, zwei ursprünglich aus Georgien stammenden Moskauer Freunden von mir. Der geplante Spaziergang mit ihnen fiel zwar leider buchstäblich ins Wasser, dafür verbrachten wir einen schönen Abend im Café "Metro", das auch tatsächlich wie eine solche eingerichtet war. Auch die Kremlbesucher stießen mit etwas Verspätung zu uns nachdem ich ihre erste SMS aufgrund der Zeitverschiebung für veraltet gehalten und daher geflissentlich ignoriert hatte. Zurück im Hostel aßen wir zu Abend, Georgij rief an und sagte, er habe einen Nachtclub ausfindig gemacht, in den wir alle hineingelassen würden. Etwa die Hälfte von uns wagte sich hinaus, das Moskauer Nachtleben zu erkunden. Georgij und David führten uns durch die nächtliche Innenstadt, über den wunderbar beleuchteten Roten Platz zur Disko. Dort erwies sich die "Feiskontrol" als aber als größeres Hindernis als erwartet, so dass wir eine ganze Weile ratlos vor der Disko herumstanden und dem wortkargen Türsteher, der ständig seine Uhr von einer Hand in die andere schmiss, dabei beobachteten, wie er zahlreiche aufwendiger herausgeputzte Besucher an uns vorbei in die Disko hineinließ. Als wir schon fast alle Hoffnung aufgegeben hatten taten dann die Beziehungen von Georgijs Freund Tolja doch noch ihre Wirkung und wir durften hinein. Es folgte ein mehrstündiges Tanzvergnügen in edler Atmosphäre, in dessen Verlauf sich erwies, dass es möglich ist, wirklich jeden Hit der letzten Jahrzehnte mit einem grauenvollen Technobeat zu unterlegen. Bevor wir uns schließlich verabschiedeten und Tolja ein Auto anhielt, das uns nach Hause bringen sollte, stritt er sich noch ausgiebig mit Ina über den Sinn einer Reise ins sibirische Nirgendwo. Der Fahrer des angehaltenen Autos erwies sich dann als sehr nett und testete sein Schuldeutsch an uns. Als weniger nett erwies sich aber die Tatsache, dass wir keinen Schlüssel hatten und das Hostel um vier Uhr nachts natürlich geschlossen war. Handys mit denen wir deutsche Handys hätten anrufen können hatten wir auch nicht und wir bereiteten uns schon darauf vor, furchtbare Stunden im 24- Stunden-Laden, bei McDonalds oder, noch schlimmer, durch aufgrund unseres lauten Rufens aggressiv gewordene Anwohner im Krankenhaus verbringen zu müssen. Unser Geschrei hatte dann aber glücklicherweise doch nur die richtigen Leute geweckt. Die Tür wurde von Andrea geöffnet und kurz darauf fielen wir alle todmüde ins Bett. Sonntag, 03.08.2008 Aus irgendwelchen Gründen kamen wir an diesem Tag nur sehr schwer aus dem Bett und erst am Nachmittag machten sich zwei verschiedene Gruppen trotz Regens auf den Weg - eine ging in die Tretjakowgalerie und die andere traf sich mit Irina, ihrem Mann Pavel und ihrer kleinen Tochter Polja, um die WDNCH, die ehemalige Messe der Errungenschaften der Volkswirtschaft zu besuchen. Deren Messegelände ist heute ein sehr merkwürdig anmutender Ort: Um die alten im pompös kitschigen Sowjetstil gebauten Messehallen und Denkmäler drängen sich heute Werbetafeln, Geschäfte, überteuerte Cafés, Museen und eine Wasserfontänenshow. Von überall her dröhnte laute Musik. Man war bei diesem Anblick erstaunt, dass die große Leninstatue nicht zum Leben erwachte und diesem kapitalistischem Schindluder ein für alle Mal ein Ende bereitete. Nach dieser bizarren Erfahrung fuhren wir noch mit der neuen Moskauer Monorail, die zwar schöne Aussichten bietet, aber sowohl teuer als auch furchtbar langsam ist und aufgrund mangelnder Effizienz nun wohl doch nicht die Ehre haben wird, über den Status einer Touristenattraktion herauszuwachsen und einen zweiten ÖPNV-Ring um Moskau zu schlagen. Bevor wir in der effizienteren Metro wieder zum Hostel fuhren stellten wir noch fest, dass Pizza selbst in den Vororten nicht billig ist, kauften Brot, Kwas, Tomaten und eingelegte Gurken auf dem Markt und bekamen, weil sich Wiebke von der Marktfrau mit einem Gruß verabschiedete, der eigentlich Bekannten vorbehalten ist, auch noch etwas eingelegten Kohl sowie eingelegten Knoblauch geschenkt. Zurück im Hostel probierten wir alles und verbrachten den Rest des Abends mit Reden, Spielen und Wäsche Waschen. Einige konnten die Spielkarten bis um drei Uhr nachts nicht weglegen und Ina ließ es sich nicht nehmen, über das lustige Geturtel der jungen Rezeptionsdame mit deren Freund zu lästern, nicht wissend, dass besagter junger Mann auf dem Balkon stand und alles hören konnte. Montag, 04.08.2008 Wir wachten auf und hatten Angst um unsere Wäsche. Sie tauchte dann aber doch recht schnell sauber und getrocknet wieder auf. Wir frühstückten also, packten unsere Sachen und verstauten sie im Zimmer von Simon, einem netten deutschen Physikdoktoranden, der die Sonnenfinsternis in Nowosibirsk beobachtet und sich mit uns angefreundet hatte. Dann machten wir noch einen letzten ausgiebigen Spaziergang inklusive einer ausgedehnten Briefmarkenkauf- und Postkartenverschickaktion auf der Post. Wir besuchten die Erlöserkathedrale und einige von uns erprobten erfolgreich ihre ersten Russischvokabeln und bestellten Pirogen und Folienkartoffeln an Straßenkiosken. Vor der Rückkehr ins Hostel kauften wir noch ausgiebig ein. Dann schnallten wir unsere Rucksäcke auf und machten uns auf den Weg zum Bahnhof. In der Metro dorthin gab es noch eine eher unangenehme Begegnung mit einem recht cholerischen Herrn, der der Meinung war, es sei viel praktischer wenn wir unsere schweren Rucksäcke abnähmen. Er war äußerst verärgert darüber, dass wir dies nicht so sahen, schimpfte wütend vor sich hin, erklärte uns für verrückt und versuchte auch andere Mitfahrer von seinen Ansichten zu überzeugen, was ihm nicht gelang. Als er schließlich ausstieg stieß er Andrea sehr grob beiseite, worauf einige freundliche Leute uns versicherten, nicht alle Moskauer seien solche betrunkenen Rüpel und Rebecca es noch schaffte, ihm kurz bevor er verschwunden war zum Abschied kräftig vors Schienbein zu treten. Dies sollte aber auch das einzige Abenteuer dieses Tages bleiben. Am Bahnhof fanden wir Zug, Wagen und Plätze ohne Probleme. Der Zug erwies sich als komfortabler als gedacht, die Mitfahrer als ausgesprochen freundlich und die Stimmung allgemein als super. Wir spielten Spiele und unterhielten uns bis spät in die Nacht, in der zumindest ich besser schlief als jemals zuvor in einem Zug. Dienstag, 05.08.2008 Weiter ging es mit Essen, Schlafen, Reden, Schreiben und Spielen bis wir schließlich am Nachmittag in Perm ankamen. Während Ina und ich uns auf die Suche nach der Gepäckaufbewahrung machten, versuchten auf dem Bahnsteig drei zwielichtige Gestalten den Rest der Gruppe kennen zu lernen und forderten unter Einsatz recht unzweideutiger Handzeichen zu einem gemeinsamen "Diskobesuch" auf. Zum Glück verfolgten sie ihre Pläne nicht weiter als wir sie auf dem Bahnsteig stehen ließen. Perm erwies sich zwar als nicht wirklich schön, aber auch als nicht so schlimm wie noch am Bahnhof befürchtet. Wir aßen in einem Café leckere Pfannkuchen, zahlten deutlich weniger als in Moskau und wurden dort auch noch deutlich freundlicher bedient. Frisch gestärkt setzten wir unseren Spaziergang fort, erkundeten das Zentrum Perms und fanden schließlich einen Aussichtspunkt mit wunderschönem Blick über den Fluss Kama, den umliegenden Wald und die Düsenjäger der nahe gelegenen Militärbasis, die schon die ganze Zeit über unsere Köpfe hinweg gedonnert waren. Dort schaffte es Andrea wieder, einige aufdringliche Junge Russen anzulocken, aber wir machten auch Bekanntschaft mit einem sehr netten jungen Mann namens Sascha, der, wie alle Russen, auf den allerersten Blick erkannte, dass wir ausländische Touristen waren und mit uns ins Gespräch kam. Doch dabei blieb es nicht. Er bot sich auch noch als Fremdenführer an und zeigte uns die zahnmedizinische Fakultät der Universität - eine unglaubliche Bruchbude - und ein schönes altes Theater. Dann brachte er uns mit der Straßenbahn zum Bahnhof und begleitete uns sogar noch bis an den Zug. Die Qualität dieses Zuges nach Priobe dämpfte die von so viel spontaner Freundlichkeit beschwingte Stimmung aber wieder etwas. Er war alt, ruckelig und erfüllte, ganz im Gegensatz zum komfortablen Expresszug nach Perm, schon eher gewisse Klischees. Insbesondere der Zustand der Toilette sorgte für wenig Begeisterung. Aber wir machten es uns trotzdem so gut es ging gemütlich uns ließen uns auch vom Stück Streichkäse, dass sich aufgrund eines verpackungstechnischen Missgeschicks in Rebeccas Tasche verteilt hatte nicht aus der Ruhe bringen. Mittwoch, 06.08.2008 Wir schafften es, uns auch mit dem neuen alten Zug anzufreunden. Wir fanden heraus, wie man den Wasserhahn auf der Toilette unter Anrichtung einer nur mittelgroßen Überschwemmung zum Laufen brachte, gewöhnten uns an dem seltsamen Beigeschmack des heißen Wassers, knüpften Kontakt zu anderen Mitreisenden und setzten das Lotterleben der Vortage fort während am Fenster endlose Wälder vorbeizogen. Der Zug hielt oft, auch nachdem er hinter Jekaterinburg auf die Nebenstrecke gen Norden abgebogen war, und die kleinen Orte, in denen er hielt, wirkten zumeist recht trostlos. Zwischen einigen Holzhäusern, Schotterwegen und hier und da einer Kuh waren nur spärliche Anzeichen menschlichen Lebens zu erkennen. Die Stadt Serow machte noch einmal einen etwas lebhafteren Eindruck. Hier verkaufte eine Reihe älterer Damen am Bahnhof Obst und Gemüse aus ihren Gärten, wobei sie sich untereinander und mit der Polizei mitunter recht grob um die besten Plätze stritten. Wir deckten uns eimerweise mit Himbeeren, Stachelbeeren und Johannisbeeren ein. An Schlafen war in dieser Nacht wenig zu denken. Mit unseren neuen Zugbekanntschaften unterhielten wir uns bis kurz vor Priobe und erste Adressen wurden ausgetauscht. Donnerstag, 07.08.2008 Reichlich übermüdet kamen wir gegen fünf Uhr morgens Ortszeit in Priobe an. Auch die lange Zeit ohne Dusche machte sich mittlerweile bemerkbar und trug nicht gerade zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Dennoch genossen wir die Morgenröte und die Nebelschwaden über dem Ob sowie den ersten Kontakt mit original sibirischen Mücken und die recht spezielle Atmosphäre auf dem Fähranleger. Mit uns warteten viele Menschen, deren einzige Gemeinsamkeit darin zu bestehen schien, dass sie sich deutlich von der Moskauer Schickeria abhoben. Es wurde gemunkelt, dass nicht alle von ihnen einen Platz auf dem Schiffchen nach Belojarskij ergattern würden. Wir hingegen waren zuerst noch recht ruhig, da wir davon ausgingen, für uns seien Tickets reserviert worden. Wir ließen unser Gepäck wiegen und gingen seelenruhig zur Administration. Dort wurde uns gesagt, wir seien in einem Hotel gelandet und das Schild mit der Aufschrift "Administration" hinge hier ohne ersichtlichen Grund. Als wir dann schließlich das richtige Büro gefunden hatten, meinte der nette junge Mann dort, es liege keine Bestellung vor. Nach einigen Minuten bangen Wartens kam er aber wieder und meinte, es gebe eine Bestellung, die aber nicht richtig angekommen sei. Wir sollten einfach noch etwas warten und würden dann Tickets bekommen. Nach einem ausgedehnten Frühstück auf dem Boden des Wartesaals wurden Ina und ich dann tatsächlich in die Räumlichkeiten hinter dem Schalter gerufen, wo uns eine recht hysterische Dame, die offensichtlich nicht mit ihrer Computersoftware zurechtkam uns Tickets verkaufte während draußen die Wartenden ungeduldig ans geschlossene Schalterfenster klopften. Übergepäck mussten wir nicht bezahlen, da das den Computer endgültig zu überfordern schien. Einen Augenblick nachdem wir die Tickets mit dem guten Rat, draußen nicht mit ihnen herumzuwedeln, erhalten hatten betrat eine wütende, überschminkte Fähranlegerobervorsteherin in Stöckelschuhen und Uniform den Raum, meinte wir hätten dort nichts verloren, es gäbe keine Vorbestellungen und wir sollten gefälligst verschwinden. Tickets hatten wir trotzdem und viele andere nicht. Wir sind dem netten jungen Mitarbeiter der Fährgesellschaft wirklich zu einer ganzen Menge Dank verpflichtet. Das Schiff erwies sich dann aber tatsächlich als echte Sardinenbüchse. Ein wahrer Bär von einem jungen Mann hievte unsere Rucksäcke aufs Dach und wir zwängten uns hinein. An Deck gehen konnte man nicht, was aber aufgrund des Regens und der doch recht niedrigen Temperaturen auch nicht viel Spaß gemacht hätte. Zu allem Überfluss hatte ich auch noch zwei nicht sonderlich sympathische Sitznachbarn: Der eine löste grunzend irgendwelche Kreuzworträtsel und der andere las unter wiederkehrendem Gekicher ein Buch, dessen Titel man in etwa mit: "Wenn es sein muss machen wir die NATO platt," übersetzen konnte. Eine Konversation kam nicht zustande. Rebecca hingegen erwischte einen netten jungen Mann und stellte zum ersten Mal fest, wie schwierig sich eine Unterhaltung ohne gemeinsame Sprache doch gestaltet. Wir sollten erst viel später realisieren, welch tiefen Eindruck ihre Kommunikationsversuche dennoch hinterlassen hatten. Allgemein war die Stimmung an Bord jedenfalls nicht sonderlich erbaulich und wir waren alle froh als wir in Belojarskij ankamen, unser Gepäck in nur fast vollkommen durchweichtem Zustand zurückbekamen und auch noch pünktlich von mehreren Autos abgeholt wurden. Belojarskij entpuppte sich als deutlich moderneres und sympathischeres Städtchen als Priobe und auch die Straße nach Kazym war über die ersten zwei Drittel sehr gut befahrbar. Nach diesen zwei Dritteln warnte dann unser freundlicher Fahrer Juliane Lisa und mich vor den Schlaglöchern und sagte, er müsse nun etwas Schlangenlinien fahren. Anschnallen sei aber trotzdem nicht nötig. Kazym machte auf den ersten Blick tatsächlich einen eher trostlosen Eindruck. Die warmherzige Begrüßung durch die Initiatorin und Hauptorganisatorin der ethnokulturellen Waldcamps und Hauptverantwortliche für das Austauschprojekt auf sibirischer Seite, Olga Alexandrowna im Haus ihrer Nichte sowie die Vorfreude auf Essen und Banja (Russische Sauna), machten das aber wieder wett. Es stellte sich heraus, dass Juliane und ich eine Gastfamilie teilen sollten. Von dieser wurden wir auch sehr nett begrüßt und gleich durchgefüttert. Die jungen Leute im Haus, Schenja und seine Kusine Nastja gaben sich eher wortkarg und man musste sich für eine Konversation schon sehr anstrengen. Schenjas Mutter Mascha, ein Angehörige der indigenen Minderheit der Chanten und Erzieherin im lokalen Internat, war dafür um so gesprächiger. Nach dem Essen zeigte uns Schenja Fotos von seinem Besuch in Deutschland im Rahmen des Austausches im letzten Jahr. Das Verlangen nach Dusche oder Banja auf unserer Seite wurde währenddessen nicht kleiner und als ich schließlich nachfragte wurde mir eröffnet, das Haus sei neu - es war auch tatsächlich sehr modern eingerichtet - und die Banja noch nicht fertig. Unsere Gastmutter hängte sich aber sofort ans Telefon und organisierte uns Waschgelegenheiten. Ich wurde wieder zu Olgas Nichte gefahren und verbrachte dann dort mit deren Mann und Olgas Sohn fast drei Stunden in der Banja. Neben dem Waschen gab es dort noch Aufgüsse, Bier, Verprügeln mit Birkenzweigen und Gespräche über so ziemlich alles von Autopreisen über den Wehrdienst bis hin zum Alkoholismus. Nach einer so ausgiebigen Körperpflegesitzung fühlte ich mich sauber wie schon lange nicht mehr. Zurück in der Gastfamilie ging ich kurz ins Internet, unterhielt mich etwas mit Juliane, ging ins Bett, hörte noch ein wenig Musik und schlief schnell ein. Freitag, 08.08.2008 Der Tag begann mit einem späten, dafür aber um so reichhaltigeren Frühstück. Danach hatten wir im Rathaus ein Treffen mit dem Bürgermeister. Er erzählte uns von der Gemeinde und der Region und beantwortete unsere Fragen. Dabei war er natürlich bemüht, ein positives Bild seiner Arbeit sowie der Gesamtsituation zu vermitteln. Die Erfolge lokaler Sportler bei Turnieren der traditionellen Sportarten des Nordens wurden ausführlich erwähnt, Probleme hingegen kaum. Nach einem kleinen Spaziergang durch den ausgeschlafen und trocken betrachtet doch deutlich sympathischeren Ort, dem traurigen Anblick einer betrunkenen Oma, die laut schimpfend barfuß durch die Gegend lief, einem Gummistiefeleinkauf im Dorfladen, einem reichhaltigen Mittagessen, dass viel zu nah am reichhaltigen Frühstück lag und der Übergabe von Gastgeschenken ging es mit Booten los ins Waldcamp. Die halbstündige Fahrt über die von der Taiga umwucherten Flüsse war ein wunderbares Erlebnis. Auch das Waldcamp hielt, was es versprochen hatte, einschließlich eines sehr schön für uns hergerichteten Tschums (Traditionelles großes sibirisches Zelt, so ähnlich wie ein Tipi ), der Plumpsklos und der Mückenschwärme, die uns schon sehnlichst zu erwarten schienen. Wir versuchten uns notdürftig vor ihnen zu schützen. Anti-Brumm, das erste von drei mitgebrachten Mückenschutzmitteln, erwies sich dabei schon einmal als nicht ganz so weltweit effektiv wie auf der Packung versprochen. Eine Ladung russischen Mückensprays konnte die Plagegeister wenigstens für kurze Zeit im Zaum halten, enthielt dafür aber Diethyltoplamid als Wirkstoff, was uns allein des Namens wegen etwas abschreckte. Trotz dieser widrigen Grundvoraussetzungen machten wir es uns im Tschum gemütlich, erhielten eine Führung und Einweisung von Olga - nicht allein vom Lager entfernen weil es Bären gibt, nicht auf die Rentierflechte treten weil sie 100 Jahre zum Nachwachsen braucht und nicht hinter das Haupthaus gehen weil dort noch der Geist eines erlegten Bären herumschwirrt -, aßen zu Abend, machten erste Bekanntschaften mit anderen Campteilnehmern und übten unseren Beitrag zum Eröffnungsabend des "Parlaments der Völker", wie das Jugendforum am ersten Wochenende des Camps etwas großspurig genannt wurde. Unsere Vorstellung gelang dann auch recht gut: Wir erzählten etwas von uns, sangen "Über den Wolken" und "Marmor, Stein und Eisen bricht" und lauschten Rebeccas herzergreifender Darbietung eines traditionellen russischen Volksliedes. Es folgten die anderen Delegationen aus umgebenden Dörfern, aus dem Ural, aus St. Petersburg, Moskau und Njagan, die alle im Vergleich zur riesigen Delegation aus Kazym verhältnismäßig überschaubar waren. Die Mücken plagten uns etwas, aber ansonsten verlief alles sehr angenehm. Nach Ende der Darbietungen gab es noch einmal Tee und Süßigkeiten und wir ließen den Abend am Lagerfeuer ausklingen. Als gegen zwei Uhr eine Dame zu mir kam und mir sagte, ich müsse um acht aufstehen weil ich am Folgetag zum "Dienst" eingeteilt sei, entschloss ich mich, schlafen zu gehen. Die Nacht verlief allerdings etwas unruhig weil man aus Angst, wir könnten frieren, den Ofen in unserem Zelt so extrem beheizte, dass mein Schlafsack und meine Luftmatratze, obwohl ein gutes Stück entfernt gelegen, kurz vor dem Schmelzen waren. Aber wenigstens vor Mücken blieb man aufgrund einer sehr cleveren Tuchvorrichtung verschont. Samstag, 09.08.2008 Sonnenschein entschädigte für wenig Schlaf der "Dienst" entpuppte sich als nicht allzu schwere Arbeit, die aus zweimal Topf Tragen und ein Bisschen Tischdecken bestand. Dafür durfte ich mit als erster frühstücken und machte danach mit Anton, einem frisch von Moskau nach Njagan umgezogenen Beschäftigten von TNK-BP, ein regelrechtes Taiga-Fotoshooting. Nicht ganz pünktlich um zehn begann die erste Workshoprunde des Parlaments zum Thema "Jugend - Probleme und Perspektiven". Wir konnten uns in die Gruppen "Schüler", "Studenten", "arbeitslose Jugendliche", "arbeitende Jugendliche" und "Eltern" einschreiben, um dort jeweils gruppenspezifische Probleme zu diskutieren. Lisa und ich waren in der Studentengruppe. Während die Jugendlichen diskutierten bemerkte ich wie schwierig selbst grobes Simultanübersetzen doch ist und realisierte außerdem, dass ich die örtlichen Umstände doch nicht gut genug kannte, um einen Masterplan für ein perfektes Bildungssystem aus dem Ärmel zu schütteln. Nachmittags folgte dann die Vorstellung der Ergebnisse, die sich etwas in die Länge zog. Beeindruckend war dieses Ereignis leider weniger aufgrund der präsentierten Ergebnisse als aufgrund Olgas doch rech diktatorisch anmutenden Führungsstils, ihrer hitzigen Diskussion mit TNK-BP-Anton über die Leistungsfähigkeit der russischen Regierung, ihrer Idee der strikten Aufgabentrennung von Mann und Frau - worauf Rebecca Sie fragte, warum nicht ein Mann das Camp leite - und der Schüchternheit der Delegation aus Kazym im Vergleich zur Selbstsicherheit der Russen aus Njagan. Nach dem Abendessen ging es dann auch gleich mit der nächsten Workshoprunde weiter. Es sollte Nutzen und Rolle der Jugend in verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Gruppierungen diskutiert werden. Wir waren nur zu viert in der Gruppe zu politischen Parteien, diskutierten aber angeregt. Dann ging es in die Banja und ich ließ mich von TNK-BP-Anton fachkundig mit Birkenzweigen verprügeln. Die abendlichen kulturellen Veranstaltungen zum Tag der indigenen Völker konnten wir aufgrund der diesmal wirklich unglaublichen Mückenmassen nur eingeschränkt genießen. Jetzt erwies sich auch Effisan, von dem ich den ganzen Tag über gedacht hatte, es sei einigermaßen wirksam, als recht nutzlos. Ansonsten waren die Darbietungen aber schön und von Gesang über Tanz bis hin zur Comedy war für jeden etwas dabei. Zerstochen in Gesicht und Lippen genoss ich den Abendtee und setzte mich danach ins Tschum, um dieses Tagebuch wieder auf den neusten Stand zu bringen. Sonntag, 10.08.20082008 Wir hatten alle viel besser geschlafen als in der Nacht zuvor, weil man sich mit dem Feuerschüren zurückgehalten hatte und unsere Schlafsäcke auch so warm hielten. Draußen war es aber bitterkalt und man wollte kaum glauben, dass wir nicht über Nacht erfroren waren. Zum Frühstück gab es neben dem obligatorischen Kascha, der diesmal auf Reis- und nicht auf Nudelbasis gekocht war, wieder das Getränk, das einige für Malzkaffee und andere für Tee hielten während es laut Auskunft der Küche Kakao war. Danach wiederholte sich das Spiel vom Vortag. Viele der Vortragenden hatten erstaunlich wenig zu sagen, Olga hingegen viel und es diskutierten immer dieselben. Viele Teilnehmer schliefen. Beim anschließenden Holzholen im Wald waren dann aber wieder alle putzmunter und einige Russen wollten unsere jungen Damen mit ihrem Holzhackkünsten beeindrucken, worauf wir aus Sorge um deren Gliedmaßen dezent unseren Standort wechselten. Dann gab es Essen und bis um drei Uhr Mittagspause. Um vier ging es weiter. Olga Alexandrowna erklärte das Planspiel, welches nach Abschluss des Parlaments im Laufe der folgenden Tage stattfinden sollte: Wir sollten Unternehmen gründen und Dienstleistungen anbieten. Dazu sollten dann zusätzlich noch freiwillige Workshops, so genannte "Master-Klassy" kommen, in denen jeder die Möglichkeit bekommen sollte, seine besonderen Fähigkeiten, anderen beizubringen. Wie das Ganze genau funktionieren sollte, wurde uns noch nicht so recht klar, aber wir sollten trotzdem alle schon einmal bis zehn Uhr abends Businesspläne für unsere Unternehmen schreiben. Wir hatten also etwas Zeit, entspannten uns im Tschum, spielten Volleyball und machten einen Waldspaziergang. Dieser war zwar schön, gab aber dem Begriff Mückenplage schon wieder eine neue Dimension. Um neun mussten wir uns dann plötzlich versammeln und Delegierte für das Parlament unseres neuen Gemeinwesens wählen. Juliane und ich hatten das Pech gewählt zu werden und durften an einer eher unspannenden, dafür aber um so zermürbenderen Diskussion über Gewaltenteilung und Administrationsabteilungen teilnehmen. Danach hellte sehr leckerer frisch gefangener und zubereiteter Fisch die Stimmung wieder auf bevor es zur letzten Sitzung des Tages ging. Wir dachten, es ginge darum, noch einmal kurz den Tag abzuschließen. Dem war aber nicht so. Bis zwei Uhr nachts saßen wir zusammen und jeder musste ein Feedback über die letzten Tage abgeben. Bei vielen waren diese Feedbacks eher kurz und einander ausgesprochen ähnlich inhaltslos. Wir brachten zum Ausdruck, dass wir uns über mehr orts- und kulturspezifische Probleme als Thema des Parlaments sowie eine breitere Diskussionsbeteiligung gefreut hätten. Olga Alexandrowna schrieb sich alles auf und schimpfte dann noch heftig auf die Ölindustrie und Anton, der es sich noch in der Banja gut gehen ließe, als deren Personifikation. Eine Schrecksekunde gab es dann noch für mich als es hieß, das Parlament träfe sich nach Ende der Sitzung noch einmal. Das wurde aber dann doch abgesagt und wir fielen todmüde und leicht angenervt in die Schlafsäcke. Montag, 11.08.2008 An diesem Vormittag nahm die Mückenplage auch in unserem Zelt phänomenale Ausmaße an und ich freute mich sehr über den Netzhut, der alle meine Freunde und mich zu Hause noch sehr belustigt hatte. In Sachen Planspiel wurde genauer erklärt wie alles ablaufen sollte, wie Businesspläne auszusehen hatten, dass es Steuern gab und von nun an fast alles was man tut mit einer eigenen Währung, die ab dem Abend zur Verfügung stehen sollte, bezahlt werden musste. Außerdem mussten wir uns als Bewohner des Camps registrieren. Meine persönliche Stimmung erreichte einen neuen Tiefpunkt. Ich sah mich stundenlang Businesspläne schreiben und Detailfragen der Camppolitik im Parlament diskutieren, was eigentlich nicht das darstellte, was ich mir von unserer Reise erhofft hatte. Die anschließende Parlamentssitzung, in der wir eine von der neu gewählten Regierung entworfene Verfassung verabschiedeten verstärkte dieses Gefühl noch zusätzlich. Nach ihr hatte ich in einer gruppendynamischen Sitzung unserer Gruppe die Gelegenheit, meiner Stimmung angemessen Ausdruck zu verleihen, worauf es mir dann auch gleich besser ging weil wir beschlossen, auf jeden Fall noch einmal darauf zu drängen, dass wir auch noch etwas mehr von der Gegend gezeigt bekommen. In der tat wurde dann auch alles besser. Schon die Vorstellung der Unternehmen wirkte deutlich ungezwungener und kreativer als die vorherigen Sitzungen und auch der Zeitplan schien sich zu entspannen. Wir lauschten einem Quiz über die Geschichte der Region mit anschließendem Vortrag und machten mit einer neu angekommenen, sehr netten und kommunikativen Teilnehmerin namens Gjusel einen Spaziergang ans Moor, auf dem wir uns an einem laut ihr essbaren Pilz und natürlich den Mückenschwärmen erfreuten. Nach dem Abendessen wurde die lokale Währung verteilt und dann auch gleich für ein Konzert mit Kehlkopfgesang und Tänzen von der Tschuktschenhalbinsel wieder ausgegeben. Das war es aber wert. Danach gab es noch ein so genanntes Casting für das Theaterstück, welches im Wesentlichen ein Vorwand war, um noch einige kulturelle Darbietungen aus manchen Leuten herauszulocken. Wir schlugen uns nicht schlecht. Später luden wir noch Gjusel ins Zelt ein und ließen den Abend bei Gitarrenklängen ausklingen. Dienstag, 12.08.2008 Der Tag begann mit der ersten Sitzung des Theaterworkshops. Diese verlief ausgesprochen konstruktiv und unser Theaterprojekt nahm schon sehr deutlich Gestalt an und auch viele unserer Ideen von den Vorbereitungstreffen wurden einbezogen. Die Stimmung stieg nach dem Essen weiter als uns Oleg Nikolajewitsch, ein Tschuktsche aus Magadan eine Einführung in den Kehlkopfgesang gab und wir alle einmal wie ein Bär brüllen mussten. Auch das Sprachenspiel New Amici war nach wie vor ausgesprochen beliebt. Es hatte sich also gelohnt, es mit nach Sibirien zu schleppen. Es sollte aber noch besser kommen: Am frühen Abend gingen Kolja und der Gruppenclown Jakow, zwei sehr erfahrene Männer, mit und fischen. Es war eine sehr schöne Gelegenheit, mal wieder etwas von der Umgebung zu sehen, auch wenn einigen von uns und insbesondere Lisa die Fische, und vor allem die kleinen, die sich neben einem 9kg Hecht und anderen kapitalen Tieren als Beifang im Netz verfangen hatten, recht Leid taten. Mira und Rebecca ließen es sich aber dennoch nicht nehmen, die Fische nach Jakows Anleitung zu schuppen und zu filetieren. Abends verzweifelten wir dann alle an chantischen Knobelspielen und gingen schließlich zum Singen über, was wir bis spät in die Nach fortführten. Mittwoch, 13.08.2008 Viele von uns ließen sich an diesem Morgen nicht davon beeindrucken, dass jemand uns durch Rütteln an unseren Füßen aufwecken wollte und entschlossen sich das Frühstück Frühstück sein zu lassen. Dafür machte das Theater deutliche Fortschritte. Der erste von vier Akten wurde fertig konzipiert und Rebecca für die Hauptrolle auf deutscher Seite auserkoren. Außerdem besserte ein Banjabesuch meine Laune, die aber eigentlich ohnehin schon wieder sehr gut war. Der Nachmittag verging mit Kursen der deutschen und englischen Sprache, die wir mit gemischtem Erfolg für die russischsprachigen Teilnehmer anboten. Vor dem Abendessen wollten wir noch zu dritt ein bisschen spazieren gehen, was uns aufgrund der Bärengefahr aber verboten wurde - gut dass wir bis dahin nie jemandem Bescheid gesagt hatten -, worauf Rebecca und ich uns an anderer Stelle etwas von Lager entfernten - weit genug, um etwas Waldatmosphäre mitzubekommen, aber noch nah genug, um sicher zu sein, dass das Gebrüll des im Camp Volleyball spielenden Jakows jeglichen Bär im Umkreis mehrerer Kilometer fern halten musste. Der weitere Abend verlief dann eher ruhig: Wir spielten weiter New Amici, lernten etwas über regionale Ornamente und ich erfuhr, dass es gut ist, wenn der Bürgermeister von Moskau Homosexuellen das Demonstrieren verbietet, da dies nicht zur Mentalität eines Landes passt, in dem jeder Mann in der Armee dienen muss. Lisa, Andrea und Julia ließen sich außerdem von Olga Alexandrowna chantisch schamanisch massieren, was wohl eine echt spannende Erfahrung gewesen sein muss. Donnerstag, 14.08.2008 Heute frühstückte ich doch wieder, um fit für den großen Filmdreh zu sein. Als Hintergrund für unser Theaterstück sollte unsere Ankunft reinszeniert werden. Das machte auch allen Beteiligten großen Spaß, auch wenn die Authentizität etwas auf der Strecke blieb. Außerdem schien die Sonne und ich sah die Chance, dass meine Wäsche, die am Tag zuvor vom Regen noch einmal gründlich nachgespült worden war, vielleicht doch noch einmal trocken werden könnte. Am Nachmittag führten uns Kolja und Jakow etwas durch den Wald. Wir erfuhren, dass wir uns auf einer Art Insel im Sumpf befanden und dass im Herbst die Elche gefährlicher als die Bären werden können. Außerdem pflückten wir viele Beeren, Wiebke und Rebecca hatten die Ehre, einen Schuss aus Jakows großen Gewehr abfeuern zu dürfen und ich diskutierte mit Lena, einer politikinteressierten Teilnehmerin, über den Sinn von Opposition und Kritik an der Regierung im Allgemeinen und musste dabei wieder einmal feststellen, dass so etwas auf Russisch gar nicht so einfach ist. Kurz nach unserer Rückkehr erschien ein Überraschungsgast: Rebeccas Bootsbekanntschaft Sultan hatte uns ausfindig gemacht und einen Weg gefunden, uns zu besuchen. Gott sei Dank blieb er aber nur für eine halbe Stunde und versuchte auch nicht, Rebecca mitzunehmen. Dieser Vorfall tat der guten Stimmung auch keinen Abbruch. Das schaffte erst die abendliche Versammlung, in der mit allen Kräften versucht wurde, die stressige Stimmung der ersten Tage wieder zum Leben zu erwecken und die völlig überflüssige Frage der Rentabilität des Theaters aufgeworfen und endlos diskutiert wurde. Dafür war die Nacht sternenklar - schade nur, dass immer etwas Licht am Himmel blieb und die Sternenpracht verminderte - und aufgrund ziemlich niedriger Temperaturen völlig mückenfrei. Freitag, 15.08.2008 Zum Missfallen einiger Verantwortlicher entschieden sich Wiebke und ich, mit Kolja und Jakow nach Kazym zu fahren und entgingen dadurch einer morgendlichen Schimpfkanonade von Seiten Sergejs, des Sohnes von Olga Alexandrowna. Zwar regnete es die ganze Zeit aber der Tapetenwechsel tat uns gut. Wir tranken bei Jakow Tee, aßen Quark, sahen zum ersten Mal seit langem wieder etwas fern, fuhren durch den Ort, hörten im Auto unglaublich dumme, vor Wehrdienstromantik nur so triefende Soldatenlieder und luden viele Dinge ein und aus. Man erhielt wieder einmal einen interessanten Einblick in das kazymer Alltagsleben und Jakow war sehr freundlich. Auf dem Rückweg versagte in Koljas Partyboot - er hörte immer furchtbare Diskomusik während er durch die Taiga raste - einmal kurz der Motor. Wir trieben etwas dahin und rammten einen Baumstamm bevor Kolja alles wieder zum Laufen brachte. Zurück im Camp verpasste ich einen weiteren Kehlkopfgesangskurs zugunsten eines sehr tiefen Gesprächs mit Lena über Hitler, Stalin und den Zweiten Weltkrieg, auf das eine offensichtlich deutlich weniger reflektierte Darstellung der anscheinend der ernsten Lage im Kaukasus folgte. Abends feierte man den neunten Geburtstag des Camps mit einem bunten Abend am Lagerfeuer, der mit allerlei hochkarätigen Beiträgen gefüllt wurde. Leider ging unser Lied aus Buena Vista Social Club aufgrund schlecht geordneter Noten etwas daneben. Dafür ging aber ein schöner Mond auf und kreierte zusammen mit aufsteigendem Nebel eine ausgesprochen magische Atmosphäre. Samstag, 16.08.2008 Nach viel zu wenig Schlaf und angesichts strömenden Regens kamen alle nur schleppend in die Gänge. Der Vormittag wurde damit verbracht, im Computerworkshop erstellte Filme und Animationen zu bestaunen. Nach dem Mittagessen begann dann ein größerer Ausflug: Per Boot fuhren wir nach Cholor, einer kleinen, sehr malerisch an einem See gelegenen Siedlung. Die Reise dorthin war schön, wurde aber durch überladene Boote sowie reichlich Wassergemüse in den Schiffsschrauben erschwert und dauerte daher recht lange. Vor allem auf dem Partyboot kam aber zu keiner Zeit Langeweile oder Traurigkeit auf. In Cholor steht ein sehr modernes großes Haus, das der Regierung gehört und für Versammlungen aller Art genutzt werden kann. Ansonsten gab es nur einige verfallene Hütten, von denen ein paar aber tatsächlich bewohnt waren. Aus einer dröhnte sogar von früh bis spät laute Musik. In dieser Nacht improvisierten wir eine Geburtstagsfeier für Lisa und sangen bis zum frühen Morgen bevor wir uns in die jugendherbergsartigen Doppelstockbeeten legten, was nach einer Woche Tschum schon ein merkwürdiges Gefühl war. Sonntag, 17.08.2008 Wir schliefen länger als wir eigentlich vorgehabt hatten, was aber doch nicht so problematisch war weil wir an diesem Tag recht flott durch das Wassergemüse kamen. Bevor wir losfuhren aßen wir aber noch ein von Oleg Nikolajewitsch zubereitetes Soldatenfrühstück bestehend aus Buchweizengrütze (mal zur Abwechslung), Dosenfleisch und Zwiebeln und machten einen Spaziergang zu einer historischen Stätte, an der sich vor mehr als tausend Jahren ein Dorf befunden haben soll. Mehr als ein runder Graben war aber nicht zu bestaunen. Den Großteil des Tages verbrachten wir dann in den Booten, was aber nicht schlimm war, da sich Petrus wieder einmal als Lisas Freund erwies und ihr nicht zum zweiten Mal in neunzehn Jahren den Geburtstag verregnete, sondern die Sonne scheinen ließ. Wir hielten in Werchnekazymsk, einer Gasarbeitersiedlung, wo wir Einkäufe tätigten und wieder einmal von Betrunkenen Halbstarken angesprochen wurden. Die Fahrt ging weiter zum Fuß einer der wenigen Erhebungen der Region, die wir bestiegen nachdem wir gegessen und vorher den Geistern gedankt hatten. Es war beeindruckend, einmal die Weite der Taiga von erhöhter Position aus wahrzunehmen. In die Nacht hinein fuhren wir zurück. Blutrot und riesengroß ging der Mond auf und leuchtete über dem Fluss. Die Stimmung war einfach nur wunderschön und durch eigenes Singen konnte sie auch vor Koljas Diskomusik geschützt werden. Nachdem uns noch einmal das Benzin ausgegangen war, wir eine Tanzpause am Strand eingelegt hatten und wir das Verdeck des Bootes aufgrund seines Gewichts noch einmal zurück lassen mussten, kamen wir schließlich wieder im Camp an, wo Lisas Geburtstag auch nach Mitternacht noch stürmisch gefeiert wurde bevor wir es uns nach Lagerfeuer, Gesang und einer heimlichen Flasche Sekt wieder im heimischen Tschum gemütlich machten. Montag, 18.08.2008 Die Zeit des Bootfahrens und Nichtstuns war vorbei und der Alltag von Camp und Austausch stellte sich wieder ein. Zwar hatte das Planspiel etwas an Intensität und Ernst verloren, dafür drängte aber im Theaterprojekt nun wirklich die Zeit. Es stellte sich nämlich heraus, dass bereits am Folgetag Uraufführung sein sollte und bis jetzt existierte das Stück nur in wenigen Fragmenten. Der Tag wurde also mit nur wenigen Unterbrechungen mit Proben gefüllt und andere Planspielprojekte weitestgehend vernachlässigt. Zeit für eine Massage bei Olga Alexandrowna blieb aber noch und sie diagnostizierte dabei, dass ich zu viel denke. Zum Mittagessen gab es mit Grütze und Leber eine Kombination, von der nun wirklich jeder von uns einen Bestandteil auf den Tod nicht leiden konnte. Mit einem vollkommen unvernünftigen Lauf in den Wald schafften es Rebecca und ich, dem Wahnsinn zu entgehen und die etwas zähe Auflösung des "Geheimer-Freund"-Spiels, von dem wir wegen der Bootstour ohnehin den Hauptteil verpasst hatten zu überstehen und konnten uns noch mit verhältnismäßig viel Energie Irinas sehr schöne Fotos aus Nepal anschauen und das Theaterstück zu Ende schreiben bevor wir todmüde in die Rentierfelle fielen, wo uns auch Minusgrade nicht vom Schlafen abhalten konnten. Dienstag, 19.08.2008 Es war Tag der deutschen Sprache im Camp, wovon man aber aufgrund der ausgedehnten Theaterproben wenig mitbekam. Wir kamen aber gut voran und ließen uns auch vom Fernsehteam des Lokalsenders, das in Camouflagekleidung angerückt war und viele Interviews in reichlich überdramatisiertem Tonfall führte, der sich dann aber als für die Reporterin normal entpuppte, nicht aus der Ruhe bringen. So wurde auch die Premiere ein voller Erfolg. Da allerdings vorher noch eine wieder recht zermürbende Feedbackrunde zum Planspiel stattfinden musste, die doch stark an die ersten Tage erinnerte und ohne wirkliches Ergebnis blieb, war keine Zeit mehr, einen ursprünglich ins Auge gefassten deutschen Abend zu planen oder durchzuführen. Dafür saßen wir aber noch singend und redend am Lagerfeuer bis schon wieder der Morgen graute. Mittwoch, 20.08.2008 Wir schliefen sage und schreibe bis um eins und einige wachten aufgrund nächtlicher Umtriebe einiger Witzbolde mit Kohlestreifen im Gesicht auf. Dies war aber auch nicht schlimm, da es nicht mehr viel zu tun gab. Wir sahen zu wie viele Teilnehmer bereits nach Kazym zurückfuhren und wie unser Tschum abgebaut wurde. Ansonsten nahmen wir in aller Ruhe und Gemütlichkeit Abschied vom Camp und schliefen in dieser Nacht alle mehr oder weniger gut in der ziemlich überheizten und zu lange beleuchteten großen Hütte. Donnerstag, 21.08.2008 Jetzt war auch für uns der Tag des Aufbruchs gekommen. Wir fuhren zurück nach Kazym und begannen nach Banjabesuch und Essen bei den Gastfamilien mit der Generalprobe für die abendliche öffentliche Aufführung unseres Theaterstücks. Wie es sich für eine anständige Generalprobe gehört, ging eigentlich alles schief und so fiel es uns nicht ganz leicht, den Tee und die Eier, die uns Jakow bei sich zu Hause liebevoll zubereitete, auch gebührend zu genießen. Sie gaben uns trotzdem neue Kraft. Wir kehrten gestärkt zurück und die Aufführung wurde, wie es sich für eine anständige Aufführung gehört, zu einem vollen Erfolg. Hinterher wurden noch Geschenke ausgetauscht und ein sehr nettes Spiel gespielt, bei dem jeder jedem noch etwas Nettes zum Abschied sagen konnte. Obwohl wir danach alle ziemlich müde waren, war der Abend noch lange nicht zu Ende. Eine alte Freundin von Ina lud uns alle in ihr Haus auf die andere Seite des Flusses ein, wo sie uns ein großartiges Essen servierte und uns mit Fotos, einem gefrorenem Fisch und Gesang noch recht lange wach hielt bevor wir dann schließlich von Kolja und Jakow nach Hause gefahren wurden. Freitag, 22.08.2008 Aufgrund der vorhergegangenen langen Nacht begann unser letzter Tag in Kazym eher spät. Wir besuchten das örtliche Kulturmuseum. Dies war zwar nicht uninteressant und wir erfuhren sogar noch hier und da etwas Neues, aber es war doch etwas bizarr die Kultur und Lebensweise, die wir in den letzten Tagen noch so lebensnah mitbekommen hatten nun in konservierter Form von einer Russin erklärt zu bekommen. Auch der Museumsshop erwies sich dann als teurer und kärglicher ausgestattet als erwartet. Ein bis zwei Birkendosen kaufte aber jeder als Souvenir. Anschließend spazierten wir noch etwas in Kazym herum, genossen den Sonnenschein und lauschten von Russen gesungenem deutschen Gangsterrap auf dem wahrscheinlich koreanischen Handy eines Chanten. Der Tag klang bei Gitarrenmusik, gutem Essen und letztmaligem Moskitogeschwirr in gemütlicher Runde aller noch in Kazym anwesender Projektbeteiligter am Lagerfeuer aus. Ich durfte auch noch einmal ein Lasso werfen und auf einem nächtlichen Spaziergang durch Kazym die andere Seite der örtlichen Jugendkultur kennen lernen. Zu Hause tranken wir dann noch mit unserer Gastmutter Tee und legten uns für genau eine Stunde hin, wobei ich mich entschied, nicht mehr wirklich zu schlafen. Samstag, 23.08.2008 Pünktlich um fünf fuhren wir mit Abschiedsgeschenken - darunter auch Marmelade und getrockneter Fisch - beladen nach Belojarskij. Diesmal hatten wir die Bootstickets bereits und auch das aufgrund der Tschumplanen und Rentierfelle, die wir nach Deutschland überführen sollten, recht beachtliche Übergewicht kostete uns nur 80 Rubel. Die Bootsfahrt dauerte diesmal noch etwas länger, war wieder eng und wurde durch einen recht widerwärtigen Mitfahrer noch zusätzlich verunangenehmt. Dennoch war es besser als auf der Hinfahrt, da wir diesmal näher beieinander saßen und mehr Platz und obendrein einen Tisch hatten. In Priobe angekommen durften wir feststellen, dass die Fußgängerbrücke, über die wir zwei Wochen zuvor noch den Anleger betreten hatten, mittlerweile eingestürzt und durch ein höchstwahrscheinlich sehr langfristiges Provisorium ersetzt worden war. Dies blieb aber auch das einzige aufregende Erlebnis im nach wie vor staubig, langweiligen Priobe. Die fünf Stunden Wartezeit brachten wir mit Spazierengehen, Einkaufen und Rumsitzen dennoch erstaunlich schnell herum. Im Zug erwartete uns dann nicht viel Neues außer einer diesmal sehr erfahrenen, resoluten Schaffnerin. Trotz allgemeiner Erkältung schliefen wir alle recht gut. Sonntag, 24.08.2008 Es stellte sich der alte Trott des Bahnfahralltags wieder ein. In Serow gab es diesmal ein eher begrenztes Angebot an Früchten, aber dafür bemerkten wir, dass die Piroggenverkäuferinnen nicht nur monoton ihre Waren anpreisen, sondern auch sehr gut fluchen konnten. Wir erkundeten einen Markt, wo ich hässliche Hausschuhe kaufte und wurden auf dem Bahnsteig wieder einmal von angetrunkenen Vollidioten angesprochen. Etwas weiter in Nischnij Tagil machten Lisa und Rebecca dann Bekanntschaft mit der widerlichsten Toilette ihres Lebens. In Jekaterinburg entschieden wir uns gegen die Dusche und machten einen gut getimten Spaziergang durch die Innenstadt. Pünktlich ganz knapp vor Abfahrt kamen wir wieder am Zug an und legten wir uns zu einer Nachtruhe hin. Montag, 25.08.2008 Die Schaffnerin riss uns erst mit der Ankündigung, sie werde nun gleich die Toiletten abschließen aus dem Schlaf und dann eine halbe Stunde später noch einmal mit der Aufforderung, unser Bettzeug abzugeben. Da viele von uns aber ihre Schlafsäcke benutzt und dem Verbleib der Bettwäsche wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten, waren irgendwie diverse Accessoires verschwunden und wir mussten einige Euro Strafe zahlen. Eine weitere negative Neuigkeit war, dass am Permer Bahnhof die Duschen angeblich gerade renoviert wurden und daher nicht benutzbar waren. Dafür gab es einen schönen Supermarkt, das Bliny-Restaurant erwies sich als rund um die Uhr geöffnet und mit freundlichen Bedienungen besetzt und die Waschbecken der Bahnhofstoiletten als hervorragend zum Haarewaschen geeignet. Teilweise sichtlich erfrischt bestiegen wir nun wieder den Schnellzug "Kama", dessen Komfort wir jetzt erst richtig zu würdigen wussten und nahmen das Zugleben wieder auf. Auf dieser Fahrt erwies sich vor allem Julianes Gitarre als Instrument der Völkerverständigung. Unsere neuen Bekannten waren dann auch phänomenal großzügig und versorgten uns mit einer beträchtlichen Menge an Essbarem sowie Souvenirs. Mit zwei Jungs, die zwar zehn Jahre jünger als wir, aber ausgesprochen aufgeweckt waren, unterhielten wir uns noch recht lange. Dienstag, 26.08.2008 Moskau hatte uns wieder und kam uns plötzlich erstaunlich vertraut vor. Wir brachten unser Gepäck am weißrussischen Bahnhof in Sicherheit, rechtzeitig bevor ein Dauerregen einsetzte, der den ganzen Tag über anhalten sollte. Wir irrten auf der Suche nach einem Frühstücksort etwas ziellos durch die Gegend, was angesichts des Regens ohne Rebeccas gute Laune wirklich deprimierend gewesen wäre und landeten schließlich wieder in einem Bliny-Restaurant. Danach machten Mira, Rebecca und ich uns auf den Weg in die Außenstelle für moderne Kunst der Tretjakowgalerie. Als wir dort ankamen wunderten wir uns über das Fehlen der Werke wirklich berühmter Künstler und den chaotischen, eher an eine Galerie erinnernden Aufbau der Ausstellung. Ganz am Ende unserer Besichtigung erfuhren wir dann, dass wir gar nicht in der Tretjakowgalerie, sondern im Haus des Künstlers waren, welches sich im selben Gebäude befand. Dies erklärte so Einiges. Beim Mittagessen mit Irina in einem originellen, aber etwas chaotischen und nur mäßig leckeren russischem Fastfood-Restaurant entschieden wir uns, es noch einmal zu versuchen, was wir dann auch taten und diesmal sogar den richtigen Eingang fanden. Es war in jedem Fall eine lohnenswerte Unternehmung. Zwar bestätigte sich wieder einmal mein Eindruck, dass mir moderne Kunstwerke nur sehr vereinzelt gefallen, aber es war ein Genuss, Mira und Rebecca beim Fachsimpeln, Staunen und begeistert Sein zuzusehen. Danach wurden noch letzte Souvenirs erstanden und wir trafen uns mit meinem guten Freund Anton, der uns zum Bahnhof begleitete und dabei viel zu erzählen hatte. Am Zug angekommen mussten wir feststellen, dass wir diesmal einen deutlich anderen Zugtyp als sonst immer erwischt und dort drei ausgesprochen enge Dreierkabinen in unterschiedlichen Wagen hatten. Wir machten es uns trotzdem so gut es ging gemütlich und unterhielten uns in den Schlaf. Mittwoch, 27.08.2008 Der letzte Tag unserer Reise war angebrochen. Wir hatten sehr gut geschlafen und befanden uns, ohne es gemerkt zu haben, bereits in Weißrussland. Gegen Mittag wurden dann in Brest unsere Fahrgestelle ausgetauscht, was sehr interessant mit anzusehen war. In Brest am Bahnhof deckten wir uns außerdem nochmals bei Babuschkas mit Obst und Gemüse ein. Die Pass-, Zoll- und Einreisekontrollen überstanden wir ohne jegliche Probleme, vielleicht auch nicht zuletzt aufgrund Rebeccas charmanten Lächelns. Auch mit den Franzosen aus dem Nachbarabteil, die gerade von einer Fahrradtour aus der Mongolei zurückkamen, freundeten wir uns an und tauschten Birnen und Himbeeren gegen mongolische Teigwaren und harten, säuerlich schmeckenden Käse. In Warschau hatten wir wieder etwas länger Aufenthalt, was wir für einen Spaziergang durch den warmen Spätsommerabend nutzten und uns mit der Situation konfrontiert sahen, in einem Land zu sein, in dem man weder mit Rubel noch mit Euro bezahlen konnte und dessen Sprache wirklich niemand von uns verstand. Die restliche Fahrt nach Berlin verging dann wie im Flug und kurz nachdem wir uns für ein letztes gemeinsames Foto alle in ein Abteil gedrängt hatten, hieß es kurz nach Mitternacht Abschied nehmen. Es war wirklich traurig, sich von den Menschen zu trennen, mit denen man in den letzten vier Wochen so viel erlebt hatte und die einem sehr ans Herz gewachsen waren. Wir waren wirklich alle auf dieser wunderbaren Reise, die nun leider vorbei war, gute Freunde geworden und nun musste plötzlich jeder wieder zurück in seine eigene Welt. Was blieb waren viele schöne Erinnerungen und die Vorfreude auf das Nachtreffen sowie die Vorbereitung des Gegenbesuchs. Jakob Hauter |
